Lieder der Liebe“

Liebeslieder aus drei Epochen der europäischen Musikgeschichte
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Liebeslieder von John Dowland, Volkslieder von Johannes Brahms, Cantigas de amigo aus dem Mittelalter –

Interpreten: Agnes Erkens, Mezzosopran, und Dimitris Polyviou, Klassische Gitarre

Dimitris Polyviou wurde 1990 in Lefkosia, Zypern, geboren. Seine musikalische Ausbildung begann im Alter von 10 Jahren. Zwischen 2010 und 2017 studierte er bei den Professoren Hubert Käppel und Hans-Werner Huppertz an der Hochschule für Musik und Tanz, Köln.

Das Programm beinhaltet Liebeslieder aus drei Musikepochen: aus dem Spätmittelalter, aus der Renaissance und aus dem 19. Jahrhundert. Liebeslieder von John Dowland; die Volksliedbearbeitungen von Johannes Brahms und zum Schluss dann die Cantigas de amigo. Diese reizvolle Zusammenstellung lässt uns die zeitlose Schönheit und die universale Verbindung der Kulturen im musikalischen Ausdruck von Liedern der Liebe erleben.

Einleitende Gedanken zum Programm

Zunächst John Dowland. Dowland lebte von 1563 bis 1626 im elisabethanischen England der Spätrenaissance als Lautenist und Komponist von Sololiedern mit Lautenbegleitung, die heute oft mit klassischer Gitarre statt mit Laute vorgetragen werden, sowie von Werken für Laute solo und Werken für Gambenensemble mit Lautenbegleitung. Besonders bekannt wurde er durch seine melancholischen Liebeslieder, die sich im Vereinigten Königreich einer ungebrochenen Popularität erfreuen, die denen von Volksliedern ähneln, obwohl diese Liebeslieder ein frühes Beispiel europäischer „Kunstmusik“ darstellen. In diesen Liebesliedern geht es um Liebeskummer, Sehnsucht, nicht erwiderte Liebe, Unerreichbarkeit. Mit ihrem Ausdruck von Tränen, Weinen, Schmerz und Seufzern stehen sie in der „Lachrymae-Tradition, die ihren Ursprung ihrerseits in der aus der italienischen Stadt Padua stammenden „Pavanne“ hat, einem feierlichen, langsam schreitenden Tanz. Diese Tradition wurde im 20. Jahrhundert von Benjamin Britten in seinen Lachrymae von 1948 wiederaufgenommen. Übrigens ist die in den Liedern in Frage stehende Dame eine Allegorie für die Musik schlechthin. Die Tradition der Allegorie geht von der Renaissance bis in die Antike zurück. Die vorgetragenen Lieder stammen aus dem „Second Booke of Songs“, das im Jahr 1600 veröffentlicht wurde.

John Dowland – Time stands still; I saw my lady weep; Flow my tears; If my complaints could passions move; und Come again

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Volkslieder von Johannes Brahms. Brahms, Repräsentant deutscher Hochromantik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Brahms verdankt seinen Ruhm seinen vier Symphonien, seinen Instrumentalkonzerten, seiner Chormusik und seiner Klavier- und Kammermusik, also hochkomplexen Werken, die durch ihre Verbindung von meisterlichen Techniken wie Polyphonie, Kontrapunktik, reichhaltiger Harmonik und architektonischer Durchdachtheit einerseits, und emotionaler Direktheit und Sanglichkeit andererseits faszinieren. Brahms hat vielleicht gerade durch seine jahrelangen Erfahrungen als Chordirigent direkten Kontakt zu Liedern gehabt, auch denen, die von einfachen Menschen gesungen wurden und oft von großer Schönheit und Ausdrucksstärke waren, Volksliedern also.

Die Inspirationen dürften ihm auch auf seinen vielen Konzertreisen gekommen sein, die ihn quer durchs deutschsprachige Mitteleuropa bis unter anderem nach Ungarn und Polen führten. Brahms hat 6 Volkslieder-Sammlungen herausgegeben. Die erste wurde 1862 veröffentlicht. Die Lieder, die für das heutige Konzert ausgewählt wurden, sind aus dem letzten Band, den Brahms 1894, drei Jahre vor seinem Tod, veröffentlichte. Diese Volkslieder haben ihn also während seiner gesamten Laufbahn als Komponist beschäftigt. Brahms ging es darum, das reichhaltige Erbe des deutschen Volksliedguts vor dem Vergessen zu retten. Mit seinen eher schlichten, aber doch fein abgestuften Klavierbegleitungen waren sie weiterhin Volkslieder, aber nun auf die Ebene der Hochkultur gebracht. Der Begriff „Volkslied“ ist übrigens erst im späten 18. Jahrhundert durch Johann Gottfried Herder geprägt worden. Er beschrieb leicht singbare Lieder, die anonym aus dem Volk stammten und deren volksnahe Lyrik frei von jener Künstlichkeit waren, die seit dem Barock üblich geworden war. Für uns Deutsche, die wir nach den Exzessen des nationalsozialistischen Faschismus leben und eine Erziehung hatten, die alles, was die Nazis sich angeeignet hatten – dazu gehörten auch die Volkslieder – als hoch problematisch erklärte, ist das deutsche Volkslied auch über 70 Jahre nach dem Ende des Krieges neu zu entdecken.

Die kongeniale Transkription der Liedbegleitung vom Klavier auf die Gitarre stammt von Dimitris Polyviou selbst.

Vorgetragen werden: Deutsche Volkslieder von Johannes Brahms – Soll sich der Mond nicht heller scheinen; In stiller Nacht, zur ersten Wacht; Da unten im Tale; Schwesterlein und Feinsliebchen, Du sollst mir nicht barfußgehen

Die ältesten Lieder, dieses Programmes sind die „Cantigas de amigo“, Lieder aus dem Spätmittelalter, genauer, aus dem 13. Jahrhundert, und zwar von der iberischen Halbinsel. Ich wähle das Wort Iberien deshalb, weil die Cantigas de amigo aus einer Region stammen, die heute teils in Portugal, teils im nordspanischen Galicien liegt, und in einer Sprache verfasst wurden, aus der sich das heutige Gallego entwickelte. Es sind in Knappheit und volkstümlich getönter Unmittelbarkeit gefasste Lieder, in denen Frauen sich klagend und wehmütig nach ihren Geliebten sehnen. Das Element der Natur in der Lyrik der Cantigas de amigo ist Übermittler der Klage, zum Beispiel das Meer.

Die lyrische Form der Cantigas de amigo erinnert an die mozarabischen ‘Jarchas’ aus dem maurischen al-Ándalus auf der iberischen Halbinsel des 11. Jahrhunderts. Heute vermutet man, dass die arabischen und hebräischen Dichter im mittelalterlichen al-Ándalus ihrerseits von bereits existierenden romanischen Volksliedchen beeinflusst worden waren. Was die Ausstrahlung der Cantigas de amigo in die Gegenwart betrifft, so lässt sich beobachten, dass sie große Ähnlichkeiten mit mehreren Themen des Lissabonner Fado haben, einem portugiesischen Musikgenre, das in den letzten Jahren durch eine junge Generation von Interpretinnen und Interpreten enorm an Popularität gewonnen hat. Hier schließt sich der Kreis von der fernen Vergangenheit bis zu unserer Gegenwart.

Cantigas de amigo, Sie hören: Ondas do mare de Vigo; Mandad’ ei comigo; Mia irmana fremosa; Ai Deus; Quantas sabedes amare amigo; Eno sagrado em Vigo; und Ai ondas